Wir sind zusammen in der Stadt. Ich denke noch, 'Ronja komm schon, sag ihnen, dass sie dich heute nicht aus den Augen lassen sollen, sag ihnen, dass du sonst Mist baust!', doch ich schaffe es nicht. Und dann kommt der Satz, vor dem ich mich gefürchtet habe. Wir laufen die Straße lang und K. sagt: "Ich müsste mal Geld aufladen und Ronja du kannst ja so lange deinen Kontoauszug holen. B. kann ja mit dir gehen." Ich bin froh, weil ich dann nicht alleine gehen muss. Doch B. kann natürlich nicht anders und erwidert: "Aber ich habe keine Lust mit da runter zu laufen, ich komme mit dir K., ja?" Und schon seid ihr beiden weg. Ich stehe da, zittere leicht. Ich spüre, wie mein innerer Drang hochkommt, wie ich schneller atme, mein Herz rast und ich anfange zu gehen. Dann jogge ich und schließlich zittere ich so sehr und fange an zu rennen. Ich renne, renne zur Bank, ziehe den Auszug. Dann hetze ich in den kleinen Laden, der gegenüber davon liegt, krame in meiner Tasche nach den 1,49Euro, ich habe mir schon immer gemerkt, wie viel ich dafür brauche. Dann laufe ich schnellen Schrittes zu dem Regal, rechts hängen irsinniger Weise Kondome, links Pflaster. Ich schaue geradeaus und schnappe mir die blau eingepackte Schachtel. Dann gehe ich zur Kasse, bezahle und lächle dabei. Schnell bin ich wieder draußen und ich sehe euch. Ihr fragt nicht mal, was ich in dem Geschäft gemacht hab. Wir gehen ins Cafe, trinken einen Kakao und reden. Aber meine Gedanken sind wo anders. Sie sind bei der kleinen, blauen Schachtel, die sich in meiner Tasche befindet. Ihr redet und redet, ich höre nur noch halb zu, gebe ab und an meine Meinung dazu ab und dann ist gut. Ich würde am liebsten weinen.
Am Abend daheim sitze ich dann im Bett. Ich hole die Schachtel hervor, schau sie mir an, reiße das Papier auf und halte nun die Plastikdose in der Hand. Ich ziehe eine der 10 silbernen, filigranen und dünn gearbeiteten Stücke heraus. Ich halte sie ins Licht, bestaune die Kante, diese scharfen Ränder. Dann verpacke ich sie wieder, drehe mich um und schlafe ein. In Gedanken weiß ich, dass ich nun die Grenze, die ich mir einst selbst gesetzt hatte, überschritten habe. Ich habe mir Klingen gekauft. Richtige Rasierklingen, keine ausgebauten mehr. Sondern noch schärfere. Dabei wollte ich exakt das niemals tun. Das wars dann.
