Freitag, 6. Juni 2014
Endlich
Der zarte weiße Stoff fällt leicht an ihrem vollen Körper herab, er schmiegt sich an und schmeichelt den Konturen. Breite Hüften werden betont, dicke Schenkel versteckt, Taille umspielt. Ein Rock, wie sie ihn sich wünschte, jahrelang. Nie getragen, nie getraut, jetzt gekauft und für immer geliebt. Die feinen Rillen im Shirt lassen sie groß wirken, betonen ihre Haut, ihre Haare. Schwarze Haare, wie die Nacht, wie das böse, doch lockig und verspielt, wie ein Engel. Sie fallen herab, hängen über den Schultern, über dem Rücken, unbewusst und teilnahmslos; wie ihre Augen. Tief, schwarz, dunkel. Ihr Atem geht schneller, ihre Hand greift nach der Schale, alles auf einmal. Sie wirft es in ihren Rachen, schließt die Augen, würgt beinahe und schluckt. Einfach. So. Wasser hinterher, nur runter damit, alles weg! Ihr schwerer Körper sinkt auf das Bett, sie ist erleichtert, ist geschafft und fühlt sich gut. Ihre Beine hängen noch herab, mit einem schwungvollen Dreh sind auch sie auf dem Bett. Die Flasche neben dem Bett, zögernd greift sie danach, nimmt sie an sich und trinkt. Sie verzieht das Gesicht, hustet und schluckt, verschluckt sich, hat das Gefühl zu ersticken, doch lebt. Noch. Sie trinkt, immer mehr und mehr, will jegliches Gefühlschaos vernichten, nichts mehr spüren, sich auflösen. Alles schwimmt, alles schwebt umher, bunte Farben mischen sich in das eintönige Grau, umkreisen ihre Gedanken und lassen sie nicht los. Sie greift ein letztes Mal neben sich, zum kleinen silbernen Metall, das ihr in ihren schwersten Stunden stets half. Und nun erneut, zuletzt, für immer. Sie zittert; vom Alkohol? Von den Tabletten? Vor Angst? Unschlüssig. Sie atmet ein, tief, schwer und lange. Und dann schneidet sie sich den linken Arm auf. Fünf Schnitte, überall verteilt, klaffend und blutend. Literweise Blut fließt heraus, tropft in die Schale, welche sie extra bereitstellte. Es soll ja keine Sauerei geben. Doch sie atmet, ihr Herz schlägt, sie geht weiter. Ihre Handfläche zeigt nach oben, die Fläche des Arms ist dünn, zart und frei, nahezu. Ihre zitternden Finger umklammern das Metall, setzen an und drücken fest. Sie zieht, schneidet und schreit, gleichzeitig, alles. Weinend sitzt sie da, sieht das klaffende Loch, das fließende Blut und kann nicht mehr. Sie hat es erreicht, sie ist frei, sie wird gehen können. Das Rot verschwimmt vor ihrem Auge, ihr Kopf schwankt hin und her, ihr Blick wird trüb und unsicher. Sie schließt ihre dunklen Augen, lässt die letzten Tränen heraus. Sie weint nicht vor Trauer, nicht vor Kummer um das verlorene Leben; sie weint vor Erleichterung. Erleichterung, es überhaupt versucht zu haben und diesem kläglichen Versuch auf Leben nun aus freiem Willen ein Ende setzen zu können. Ihre Hände sinken nieder, liegen neben ihr, das Bett wird rot, rot, rot. Alles voller Blut, alles fließt heraus und ihr Atem versiegt in ihrem Hals. Ein letztes Zucken ihrer Muskeln, eine traurige Bewegung des Kopfes, nach vorn sinkend auf die Brust. Ihr Herz gibt auf, gibt sich hin und fügt sich; aus. Es schließt ab, beendet seine Arbeit und geht. Die Seele fliegt hinfort, weit weg von diesem geschädigten Körper, welcher bloß als Raststätte diente. Nutzlos, vergebens und unendlich.