Montag, 25. August 2014
Lilly
Wäre ich da gewesen, so müsstest du nun keinen Kummer ertragen. So müsstest du nun nicht hungern, nicht leiden, nicht einsam sein. Ich weiß nicht, wo du bist, ob du noch lebst, ob du tot bist oder dich verlaufen hast. Ob du weinend in der Ecke sitzt und wartest, dass ich dich finde, dass dich jemand findet. Oder ob du zu gutmütig warst und allen vertraut hast. Vielleicht gab dir wer was zu Essen, was falsches, hat dich geschnappt und mitgenommen. Ich will nicht darüber nachdenken, was du durchleben, durchleiden musst, doch ich muss. Denn es ist meine Schuld, denn ich war nicht da, obwohl ich es hätte sein sollen. Lilly, bitte verzweih mir mein Versagen. Doch wie sollst du mir verzeihen können, wenn ich vielleicht dein Leben beendet habe? Ich hätte dich in eine Pension geben sollen. Ich hätte hier bleiben sollen. Ich hätte meine Nachbarin als Futterspenderin beauftragen sollen. Ich hätte besser aufpassen sollen! Wenn du tot bist, so bin ich dafür verantwortlich. Doch ich hätte so Angst, deine Leiche zu finden. Und solltest du noch leben, solltest du irgendwo verarbeitet werden, gefangen gehalten werden, so gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf. Wie können Menschen zu sowas fähig sein? Und weshalb? Du hast doch niemandem was getan. Du wolltest doch nie wem was Böses! Du hast das Leben verdient, dein Leben und ich bin Schuld dass du es nicht haben kannst. Lilly, es tut mir so unendlich leid und ich kann und werde es mir nicht verzeihen können. Niemals.